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TRAINING AUF UNSERER LEBENSRANCH – WARUM ES BEI UNS KEIN SCHEMA F GIBT
Vorweg ganz wichtig:
Dieser Beitrag ist aus meiner persönlichen Sicht geschrieben und beruht auf meinen Erfahrungen aus vielen Jahren Arbeit mit den unterschiedlichsten Hunden. Ich behaupte nicht, dass unser Weg der einzig richtige ist. Ich möchte euch zeigen, wie wir hier arbeiten und warum wir genau so arbeiten.
Wenn ein neuer Hund bei uns ankommt, beginnt Training für mich nicht mit „Sitz“, „Platz“ oder „Fuß“.
Es beginnt mit Beobachten.
Wer ist dieser Hund überhaupt?
Welche Vorgeschichte bringt er mit? Was hat er erlebt? Was kennt er und was kennt er nicht? Hat er möglicherweise traumatische Erfahrungen gemacht? Wie reagiert er auf Menschen, andere Hunde, Berührungen, Nähe, Distanz, Futter, Bewegung, Geräusche oder Begrenzung? Ist er unsicher, ängstlich, hochgradig erregbar, territorial, ressourcenorientiert oder zeigt er aggressives Verhalten?
Und vor allem:
Warum zeigt er ein bestimmtes Verhalten?
Denn Verhalten entsteht nicht einfach aus dem Nichts.
Ein Hund, der nach vorne geht, ist nicht automatisch ein „böser Hund“. Aggressives Verhalten kann vollkommen unterschiedliche Ursachen und Funktionen haben. Angst, Unsicherheit, Frustration, Ressourcenverteidigung, territoriales Verhalten, schlechte Erfahrungen oder erlernte Verhaltensstrategien können eine Rolle spielen.
Deshalb muss ich zuerst den Hund lesen.
Körperspannung, Blick, Ohren, Rute, Bewegungsmuster, Distanzverhalten, Beschwichtigungssignale, Drohverhalten und Veränderungen im Erregungsniveau geben mir Informationen darüber, wo dieser Hund gerade steht und was er überhaupt leisten kann.
Erst dann kann ich entscheiden, wie ich mit ihm arbeite.
INDIVIDUELLES TRAINING STATT EINHEITSPROGRAMM
Bei einem Angsthund kann mein erstes Ziel sein, Sicherheit, Vertrauen und Orientierung aufzubauen.
Bei einem jungen, völlig unerfahrenen Hund können Struktur, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und das Erlernen von Grenzen im Vordergrund stehen.
Bei einem Hund mit ernsthaftem Aggressionsverhalten sieht die Arbeit wiederum vollkommen anders aus. Dort spielen zunächst Management, kontrollierte Situationen, Distanz, Auslöser, Erregungslage und eine sehr genaue Einschätzung der Körpersprache eine entscheidende Rolle.
Ich kann nicht drei völlig unterschiedliche Hunde nehmen und mit allen dasselbe Trainingsprogramm abarbeiten.
Genau deshalb haben wir hier Einzeltraining und Gruppentraining.
Und dann haben wir etwas, das für unsere Arbeit einen enormen Stellenwert besitzt:
unsere Rudel.
WAS DER MENSCH NICHT LEISTEN KANN, KÖNNEN HUNDE UNTEREINANDER
Wir Menschen können einen Hund führen, Orientierung geben, Grenzen setzen, Vertrauen aufbauen und gezielt bestimmte Verhaltensweisen trainieren.
Aber wir sind keine Hunde.
Ein sozial kompetenter Hund kommuniziert mit einem anderen Hund auf einer Ebene, die wir Menschen niemals vollständig ersetzen können.
Und genau das nutzen wir hier ganz bewusst.
Ein stabiles Rudel ist keine Ansammlung von Hunden, die zufällig zusammen auf einer Fläche stehen. Innerhalb einer funktionierenden Sozialstruktur findet ständig Kommunikation statt.
Über Raum und Distanz, Blickkontakt, Körperspannung, Bewegungen, Annäherung, Abwendung, Beschwichtigung, Spiel, Abbruchsignale und Grenzsetzung.
Gerade ein junger Hund, der bisher kaum angemessenes Sozialverhalten gelernt hat, bekommt innerhalb einer passenden Gruppe sehr schnell Rückmeldungen auf sein eigenes Verhalten.
Ist er zu aufdringlich?
Kann er Distanz akzeptieren?
Kann er ein Nein eines anderen Hundes annehmen?
Kann er sich zurücknehmen?
Kann er Konflikte vermeiden?
Kann er angemessen spielen?
Kann er Frustration aushalten?
Das sind Dinge, die Hunde untereinander in einer Feinheit kommunizieren können, die wir Menschen nicht nachstellen können.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir einen Hund einfach irgendwo hineinsetzen und sagen: „Die regeln das schon.“
Ganz im Gegenteil.
Die Zusammenstellung einer Gruppe ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit.
Ich muss die Charaktere meiner Hunde kennen. Ich muss wissen, wer souverän ist, wer klare Grenzen setzt, wer Konflikten ausweicht, wer Unsicherheit zeigt und bei welchen Konstellationen Spannung entstehen könnte.
Ich muss außerdem erkennen können, ob gerade eine normale soziale Korrektur stattfindet oder ob eine Situation beginnt zu eskalieren.
Genau dort liegt die Verantwortung des Menschen.
Wir entscheiden, wann wir eingreifen und wann wir bewusst nicht eingreifen.
MENSCH UND RUDEL ARBEITEN NICHT GEGENEINANDER
Und das ist für mich einer der wichtigsten Punkte unserer Arbeit.
Es gibt Dinge, die trainiere ich mit dem Hund.
Und es gibt Dinge, die kann ein sozial stabiles Rudel wesentlich besser vermitteln.
Beides ergänzt sich.
Der Mensch übernimmt Führung, Management und gezieltes Training. Das Rudel ermöglicht innerartliches Soziallernen.
Bei manchen Hunden liegt der Schwerpunkt zunächst fast vollständig beim Menschen. Bei anderen können wir relativ schnell mit einer geeigneten Gruppe arbeiten. Und bei wieder anderen braucht es sehr viel Zeit, bevor eine Integration überhaupt sinnvoll und verantwortbar ist.
Das entscheidet nicht irgendein Trainingsplan. Das entscheidet der Hund.
Natürlich haben wir auch unsere berühmte Rappelflasche , eine ganz normale Plastikflasche mit Unterlegscheiben oder kleinen Steinchen darin.
Und dann wäre da noch unser mindestens genauso berühmtes Quietschehuhn.
Beides kann bei geeigneten Hunden gezielt als akustisches Unterbrechungs oder Aufmerksamkeitssignal eingesetzt werden.
Aber auch hier gilt wieder:
Nicht bei jedem Hund. Nicht in jeder Situation. Und niemals einfach, weil es bei einem anderen funktioniert hat.
Bei einem geräuschempfindlichen oder stark verunsicherten Hund kann ein solches Signal völlig kontraproduktiv sein. Bei einem anderen Hund kann genau diese kurze Unterbrechung ausreichen, um seine Aufmerksamkeit wieder zu bekommen und anschließend anderes Verhalten einzufordern.
Das Werkzeug entscheidet nicht über gutes Training.
Entscheidend ist, ob der Mensch weiß, wann, warum und bei welchem Hund er etwas einsetzt.
HUNDEARBEIT BEGINNT FÜR MICH MIT VERSTEHEN
Ich möchte nicht einfach ein unerwünschtes Verhalten verschwinden lassen.
Ich möchte wissen, warum es da ist.
Was löst es aus?
Welche Funktion erfüllt es für diesen Hund?
Wann beginnt seine Erregung anzusteigen?
Welche Signale zeigt er bereits vorher?
Wann ist er noch ansprechbar?
Wo liegt seine individuelle Belastungsgrenze?
Und genau danach richtet sich die weitere Arbeit.
Denn ein Hund ist kein Programm, bei dem ich vorne Methode A eingebe und hinten Verhalten B herausbekomme.
Hier leben vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten mit vollkommen unterschiedlichen Geschichten.
Vom vorsichtigen Angsthund bis zu Hunden mit ernsthaftem Aggressionsverhalten, bei denen ein falsches Einschätzen der Situation gefährlich werden kann.
Und genau deshalb bedeutet professionelle Arbeit mit Hunden für mich vor allem eines:
Beobachten. Analysieren. Körpersprache lesen. Ursachen verstehen. Individuell trainieren. Sozialstrukturen gezielt nutzen. Grenzen setzen. Sicherheit schaffen. Und jederzeit wissen, wann der Mensch eingreifen muss und wann er einen Schritt zurücktreten kann.
Denn manchmal kann der Mensch einem Hund sehr viel beibringen.
Und manchmal schaut ein souveräner Hund aus unserem Rudel den Neuankömmling einmal ganz kurz an und sagt ihm auf hündisch etwas, wofür ich wahrscheinlich eine halbe Stunde gebraucht hätte.
Genau deshalb arbeiten bei uns Mensch und Rudel zusammen