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Was steckt eigentlich dahinter?
Gerade wenn es um Hunde aus dem Auslandstierschutz geht, fällt irgendwann dieses eine Wort:
Mittelmeerkrankheiten.
Und ich merke immer wieder, dass viele Menschen zwar schon einmal davon gehört haben, aber eigentlich gar nicht genau wissen, was damit gemeint ist.
Also möchte ich euch das heute einmal so erklären, wie ich es auch jemandem hier bei uns auf der Ranch erklären würde.
Denn wir leben mit diesen Themen. Wir nehmen Hunde mit unbekannter Vorgeschichte auf, wir sehen Blutbilder, Testergebnisse und Symptome und natürlich haben wir auch Hunde, die mit solchen Erkrankungen zu uns kommen.
Und eines vorweg:
„Mittelmeerkrankheit“ ist keine einzelne Krankheit.
Es ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen, die vor allem durch sogenannte Vektoren übertragen werden. Das sind beispielsweise Zecken oder Sandmücken.
Und der Begriff „Mittelmeerkrankheiten“ ist mittlerweile eigentlich ziemlich ungenau.
Denn einige dieser Erkrankungen sitzen längst nicht brav irgendwo am Mittelmeer und warten dort auf unsere Hunde.
Zecken und die von ihnen übertragenen Erreger kennen keine Landesgrenzen.
Deshalb sollte man diese Krankheiten kennen.
Nicht um Angst davor zu haben.
Sondern um zu wissen, womit man es zu tun hat.
BABESIOSE – WENN DIE ROTEN BLUTKÖRPERCHEN ANGEGRIFFEN WERDEN
Babesiose ist eine durch Zecken übertragene Erkrankung.
Die Erreger, sogenannte Babesien, sind einzellige Parasiten und befallen die roten Blutkörperchen des Hundes.
Und genau da wird verständlich, warum diese Erkrankung so ernst werden kann.
Die roten Blutkörperchen sind unter anderem dafür verantwortlich, Sauerstoff durch den Körper zu transportieren. Werden sie durch die Infektion geschädigt und verstärkt abgebaut, kann eine teilweise schwere Blutarmut entstehen.
Ein Hund kann beispielsweise plötzlich sehr schlapp werden, Fieber bekommen, nicht mehr richtig fressen oder blasse Schleimhäute zeigen. Je nach Verlauf können auch gelbliche Schleimhäute beziehungsweise Gelbsucht und dunkel verfärbter Urin auftreten.
Und eine schwere Babesiose ist nichts, bei dem ich sage:
„Wir schauen mal bis morgen.“
Wenn ein Hund entsprechende Symptome zeigt, gehört er zum Tierarzt.
Punkt.
Denn schwere Verläufe können lebensbedrohlich werden.
Das ist auch einer der Gründe, warum ich beim Thema Zecken so konsequent bin.
Eine Zecke ist für mich nicht einfach nur dieses widerliche kleine Ding, das ich aus einem Hund herausdrehe.
Eine Zecke kann Krankheiten übertragen.
Und genau deshalb gehört für mich ein vernünftiger, individuell mit dem Tierarzt abgestimmter Zeckenschutz zur Vorsorge.
ANAPLASMOSE – WENN EINE ZECKE BAKTERIEN ÜBERTRÄGT
Bei der Anaplasmose haben wir es nicht mit demselben Erreger wie bei der Babesiose zu tun.
Anaplasmen sind Bakterien, die durch Zecken übertragen werden.
Und auch hier kann das Erscheinungsbild sehr unterschiedlich sein.
Manche infizierten Hunde zeigen überhaupt keine Erkrankungszeichen.
Andere bekommen Fieber, wirken schlapp, fressen schlecht oder zeigen Schmerzen und Lahmheiten. Je nach Anaplasma-Art können auch die Blutplättchen betroffen sein.
Und die Blutplättchen brauchen wir für eine funktionierende Blutgerinnung.
Sinkt ihre Zahl deutlich ab, können unter anderem Blutungsneigungen auftreten.
Das ist übrigens etwas, was ich bei diesen ganzen Krankheiten immer wieder wichtig finde:
Ein Laborwert oder ein positiver Antikörpertest alleine erzählt mir noch nicht die komplette Geschichte eines Hundes.
Ich muss den Hund anschauen.
Wie geht es ihm?
Hat er Symptome?
Wie sieht sein Blutbild aus?
Was zeigen weitere Untersuchungen?
Was sagt die Vorgeschichte?
Und welche Untersuchung wurde überhaupt durchgeführt?
Genau deshalb gehört die Interpretation solcher Testergebnisse in fachkundige tierärztliche Hände.
EHRLICHIOSE – EINE ERKRANKUNG, DIE AUCH CHRONISCH WERDEN KANN
Auch Ehrlichiose wird durch Zecken übertragen.
Die Erreger gehören ebenfalls zu den Bakterien und befallen bestimmte Blutzellen.
Bei einer akuten Erkrankung können unter anderem Fieber, Mattigkeit, Appetitlosigkeit und vergrößerte Lymphknoten auftreten. Veränderungen der Blutplättchen können ebenfalls vorkommen und dadurch können Blutungen auffallen.
Das Tückische an der Ehrlichiose ist für mich vor allem:
Sie muss nicht immer mit einem riesigen Schild vor dem Hund stehen und schreien: Hier bin ich!
Infektionen können unterschiedlich verlaufen und Ehrlichiose kann auch chronische Formen annehmen.
Genau deshalb ist bei einem Hund aus einem Risikogebiet die Vorgeschichte wichtig und bei entsprechenden Auffälligkeiten muss gezielt diagnostiziert werden.
Und dann kommen wir zu einer Erkrankung, vor der viele Menschen besonders große Angst haben.
LEISHMANIOSE – POSITIV BEDEUTET NICHT AUTOMATISCH SCHWER KRANK
Leishmaniose wird durch einzellige Parasiten der Gattung Leishmania verursacht. In Europa spielt beim Hund vor allem Leishmania infantum eine Rolle.
Die klassische Übertragung erfolgt über Sandmücken.
Und jetzt kommt etwas, was ich besonders wichtig finde:
Eine Infektion und eine klinische Erkrankung sind nicht dasselbe.
Ein Hund kann mit Leishmanien infiziert sein, ohne zu diesem Zeitpunkt klinisch krank zu sein.
Andere Hunde entwickeln dagegen Beschwerden und die können sehr unterschiedlich aussehen.
Hautveränderungen, Gewichtsverlust, vergrößerte Lymphknoten, Veränderungen an Krallen oder Augen und verschiedene Veränderungen im Blut beziehungsweise in den Laborwerten können dazugehören.
Besonders ernst nehme ich bei Leishmaniose die Nieren.
Denn eine Beteiligung beziehungsweise Schädigung der Nieren ist für die Beurteilung des Hundes und seiner Prognose von großer Bedeutung.
Deshalb reicht es für mich auch hier nicht, einfach irgendwo einen positiven Test zu sehen und anschließend einen Stempel auf den Hund zu drücken.
„Leishmaniose positiv.“ Fertig.
Nein.
Wie hoch sind die Antikörper?
Hat der Hund klinische Symptome?
Wie sehen Blutbild und Organwerte aus?
Wie sieht der Urin aus?
Gibt es Hinweise auf Proteinverlust über die Nieren?
Sind weitere Untersuchungen notwendig?
Erst aus dem Gesamtbild lässt sich vernünftig beurteilen, ob wir lediglich einen Hinweis auf eine Infektion haben oder ob der Hund tatsächlich an einer klinischen Leishmaniose erkrankt ist und wie schwer diese Erkrankung einzustufen ist.
Und genau deshalb finde ich es schlimm, wenn Hunde allein aufgrund des Wortes Leishmaniose sofort abgeschrieben werden.
Ja, Leishmaniose ist eine ernst zu nehmende Erkrankung.
Nein, man darf sie nicht verharmlosen.
Aber man sollte genauso wenig aus einem positiven Testergebnis automatisch einen todkranken Hund machen.
WARUM IST DAS FÜR UNS IM TIERSCHUTZ SO WICHTIG?
Weil unsere Hunde uns ihre Vorgeschichte meistens nicht erzählen können.
Wir wissen bei vielen nicht, wo sie überall gelebt haben.
Wir wissen nicht, wie lange sie draußen waren.
Wir wissen nicht, wie viele Zecken sie in ihrem bisherigen Leben hatten.
Wir wissen nicht, ob sie jemals einen vernünftigen Schutz bekommen haben.
Und wir wissen bei manchen nicht einmal annähernd, was sie medizinisch in ihrem bisherigen Leben erlebt haben.
Deshalb beobachten wir.
Wir untersuchen.
Wir testen dort, wo es medizinisch sinnvoll beziehungsweise erforderlich ist.
Und wenn etwas auffällig ist, wird weiter diagnostiziert.
Denn für mich bedeutet Tierschutz nicht, einfach einen Hund irgendwo herauszuholen und zu sagen:
„Gerettet.“ Dann fängt die Arbeit teilweise erst an.
UND DANN GIBT ES NOCH DIE ANGST VOR EINEM POSITIVEN HUND
Auch das erlebe ich immer wieder.
Menschen interessieren sich für einen Hund und sobald irgendeine dieser Erkrankungen im Raum steht, ist plötzlich Schluss.
Dabei muss man unterscheiden.
Welcher Erreger wurde festgestellt?
Ist der Hund aktuell klinisch krank?
Welche Behandlung braucht er?
Welche Kontrollen werden zukünftig notwendig sein?
Wie ist sein individueller Verlauf?
Natürlich kann eine chronische Erkrankung bedeuten, dass ein Hund dauerhaft überwacht werden muss, Medikamente benötigt oder zusätzliche Kosten verursacht.
Das muss man einem Interessenten ehrlich sagen.
Ich werde niemandem erzählen:
„Ach, das ist nichts.“
Wenn es eben doch etwas ist.
Aber ich werde genauso wenig einen Hund abschreiben, nur weil auf einem Laborzettel ein positives Ergebnis steht.
Wir schauen auf den ganzen Hund. Nicht nur auf seinen Befund.
Und genau das möchte ich euch mit solchen Beiträgen vermitteln.
Mittelmeerkrankheiten sind nichts, wovor man panisch davonlaufen muss.
Aber sie sind auch nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte.
Man muss wissen, welche Erkrankung man vor sich hat, wie sie übertragen wird, welche Organe beziehungsweise Blutzellen betroffen sein können und welche Diagnostik notwendig ist.
Und vor allem muss man früh reagieren, wenn ein Hund plötzlich Symptome entwickelt.
Für mich ist Wissen keine Panikmache.
Wissen bedeutet, im richtigen Moment das Richtige zu tun.
Und genau deshalb beschäftigen wir uns hier nicht nur damit, einen Hund satt zu bekommen und ihm ein Dach über dem Kopf zu geben.
Wir müssen unsere Hunde kennen.
Wir müssen Veränderungen erkennen.
Und wir müssen wissen, wann aus einem scheinbar kleinen Symptom etwas wird, bei dem wir nicht bis morgen warten.
Denn genau das gehört für mich zu verantwortungsvollem Tierschutz.
UND WAS BEDEUTET EIN POSITIVER TEST JETZT EIGENTLICH?
Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte dieses ganzen Beitrags.
Positiv ist nicht gleich positiv.
Es kommt darauf an, was getestet wurde und mit welcher Methode.
Ein Antikörpertest weist beispielsweise eine Immunreaktion gegen einen bestimmten Erreger nach. Das ist etwas anderes als ein direkter Erregernachweis mittels PCR.
Deshalb kann man nicht sämtliche Ergebnisse dieser Erkrankungen in einen Topf werfen.
Ein Testergebnis muss immer zusammen mit dem Hund, seiner Vorgeschichte, seinen Symptomen und weiteren Laborbefunden beurteilt werden.
Und genau deshalb bin ich kein Freund davon, anhand eines einzelnen Kreuzchens auf irgendeinem Testbogen komplette Diagnosen und Prognosen für einen Hund aufzustellen.