Aslan musste operiert werden! 205€/800€. Mehr dazu unter "Tiernotfälle"
Kein Hund für jedermann und genau das muss man verstehen!
Ich glaube, kaum eine Hundegruppe wird so oft falsch eingeschätzt wie der Herdenschutzhund.
Groß, imposant, häufig ruhig, souverän und wunderschön. Viele sehen diesen Hund und denken zuerst: Was für ein gemütlicher großer Teddybär.
Und genau da fängt das Problem oftmals schon an.
Denn ein Herdenschutzhund wurde nicht dafür gezüchtet, den ganzen Tag darauf zu warten, welchen Befehl sein Mensch ihm als Nächstes gibt. Er wurde über Generationen dafür gezüchtet, selbstständig zu denken, Situationen einzuschätzen, Entscheidungen zu treffen und das zu schützen, was zu ihm gehört.
Und wenn man sich einen Herdenschutzhund ins Haus holt, dann holt man sich genau diese Eigenschaften mit dazu.
HERDENSCHUTZHUND IST NICHT HÜTEHUND!
Das wird tatsächlich immer wieder verwechselt.
Ein Hütehund arbeitet in der Regel eng mit dem Menschen zusammen und bewegt bzw. kontrolliert Nutztiere.
Der Herdenschutzhund dagegen hatte ursprünglich eine völlig andere Aufgabe. Er lebte bei seiner Herde und sollte sie vor Gefahren und möglichen Angreifern schützen. Dabei musste er teilweise Entscheidungen treffen, ohne dass ein Mensch danebenstand und ihm sagte, was zu tun ist.
Genau deshalb steckt in diesen Hunden diese enorme Selbstständigkeit.
Wenn ein Herdenschutzhund also nicht bei jedem Kommando sofort springt, bedeutet das nicht automatisch, dass er dumm, stur oder schlecht erzogen ist.
Er denkt. Er bewertet. Und manchmal entscheidet er schlicht, dass das, was du gerade von ihm möchtest, aus seiner Sicht keinen Sinn ergibt. Damit muss man umgehen können.
DER NIEDLICHE WELPE WIRD ERWACHSEN!
Und das ist für mich einer der wichtigsten Punkte überhaupt.
Natürlich sind Herdenschutzhund-Welpen unfassbar süß. Große Pfoten, Plüschfell und dieser Blick, bei dem wahrscheinlich die Hälfte der Menschheit sofort dahinschmilzt.
Nur bleibt dieser kleine Plüschbär nicht klein.
Mit zunehmender körperlicher und sozialer Reife können die typischen Eigenschaften wesentlich deutlicher werden.
Der Hund wird wachsamer.
Er nimmt sein Umfeld bewusster wahr.
Er beginnt möglicherweise, sein Territorium ernster zu nehmen.
Er beurteilt fremde Menschen und Situationen zunehmend selbstständig.
Und plötzlich steht da kein kleiner Teddybär mehr, sondern unter Umständen ein 50, 60 oder noch mehr Kilogramm schwerer Hund, der eine eigene Meinung dazu hat, wer durch sein Tor kommt.
Spätestens dann merkt man, ob man sich vorher wirklich mit Herdenschutzhunden beschäftigt hat.
SCHUTZ UND TERRITORIUM LIEGEN IN IHNEN
Natürlich ist nicht jeder Herdenschutzhund gleich. Charakter, Herkunft, Aufzucht, Erfahrungen, Sozialisation und Haltung spielen eine große Rolle.
Aber bestimmte genetische Anlagen darf man nicht einfach wegdiskutieren.
Viele Herdenschutzhunde sind territorial und wachsam. Sie können sehr genau unterscheiden zwischen dem, was für sie dazugehört, und dem, was von außen kommt.
Das eigene Grundstück, die Familie, andere Tiere oder das bestehende soziale Gefüge können für sie einen hohen Stellenwert haben.
Und nein, das bedeutet nicht, dass jeder Herdenschutzhund jeden Fremden fressen möchte.
Aber es bedeutet, dass ich als Halter Verantwortung übernehmen und meinen Hund lesen können muss.
Besucher müssen vernünftig gemanagt werden. Türen, Tore und Grundstückssicherung müssen stimmen. Ich kann nicht einfach sagen: „Der macht schon nichts.“
Bei einem großen, kräftigen Hund mit ausgeprägtem Schutzverhalten ist dieses Denken schlicht verantwortungslos.
ERZIEHUNG JA, ABER ANDERS!
Natürlich braucht auch ein Herdenschutzhund Regeln.
Für mich sogar sehr klare.
Aber Klarheit bedeutet nicht Härte.
Wer glaubt, einen Herdenschutzhund über Einschüchterung, Druck oder körperliche Auseinandersetzungen „brechen“ zu müssen, hat für mich bei einem solchen Hund überhaupt nichts verloren.
Diese Hunde brauchen einen Menschen, der ruhig, souverän, konsequent und vor allem berechenbar ist.
Ich muss nicht jeden Machtkampf gewinnen.
Ich sollte schlau genug sein, unnötige Machtkämpfe gar nicht erst entstehen zu lassen.
Vertrauen, Beziehung, Konsequenz und vernünftiges Management sind für mich bei diesen Hunden das A und O.
Und wer unter Erziehung versteht, dass ein Hund wie eine Maschine auf Knopfdruck funktionieren muss, wird mit vielen Herdenschutzhunden wahrscheinlich nicht glücklich.
SOZIALISATION IST EXTREM WICHTIG
Gerade bei einem Hund, der später möglicherweise sehr groß, kräftig, wachsam und territorial wird, ist eine vernünftige Sozialisation enorm wichtig.
Der Hund sollte unterschiedliche Menschen, Situationen, Umweltreize und einen normalen Alltag kennenlernen.
Aber Sozialisation bedeutet für mich nicht, dass der Hund von jedem Menschen angefasst werden muss oder jeden fremden Hund toll finden soll.
Sozialisation bedeutet, dass ein Hund lernt, mit seiner Umwelt angemessen umzugehen.
Ein souveräner Herdenschutzhund muss nicht jeden lieben.
Er sollte aber lernen können, dass nicht alles, was ihm begegnet, automatisch eine Bedrohung darstellt.
ANDERE HUNDE
Auch hier gibt es keine pauschale Antwort.
Viele Herdenschutzhunde können sehr sozial mit anderen Hunden leben und besitzen eine beeindruckend klare Kommunikation.
Aber Größe, Kraft, Geschlecht, Charakter und soziale Reife spielen eine Rolle.
Gerade wenn Konflikte entstehen, reden wir eben nicht über zwei kleine Hunde mit fünf Kilogramm Körpergewicht.
Deshalb braucht es auch hier Menschen, die Körpersprache erkennen, Situationen richtig einschätzen und nicht erst reagieren, wenn es bereits geknallt hat.
KINDER UND HERDENSCHUTZHUNDE
Auch bei diesem Thema bin ich kein Freund von pauschalen Aussagen.
Ein Herdenschutzhund kann wunderbar mit Kindern leben.
Aber ein großer Hund bleibt ein großer Hund und Kinder bleiben Kinder.
Deshalb gehören Begegnungen vernünftig begleitet und beaufsichtigt.
Hinzu kommt, dass ein Hund Situationen möglicherweise anders bewertet als wir Menschen. Toben, Schreien, fremde Kinder im Garten oder wildes Gerangel können für einen Hund ganz anders wirken.
Deshalb gilt auch hier:
Nicht romantisieren. Verantwortung übernehmen.
EIN GARTEN ALLEIN MACHT NOCH KEINE GUTE HALTUNG
Bei Herdenschutzhunden ist Platz natürlich ein Thema.
Viele dieser Hunde beobachten gerne ihr Umfeld, bewegen sich auf ihrem Gelände und benötigen Rückzugsmöglichkeiten.
Aber ein riesiges Grundstück ersetzt keine Beziehung zum Menschen.
Und andersherum passt für mich auch nicht jeder Herdenschutzhund automatisch in eine kleine Stadtwohnung mitten im fünften Stock.
Man muss den einzelnen Hund anschauen und gleichzeitig seine ursprünglichen Anlagen ernst nehmen.
Auch die Sicherung des Grundstücks muss vernünftig sein. Ein halbhoher Dekorationszaun, über den der Hund im Zweifelsfall einfach hinwegschaut, ist keine Grundstückssicherung.
BESCHÄFTIGUNG
Auch hier denken manche Menschen viel zu kompliziert.
Nicht jeder Herdenschutzhund möchte dreimal die Woche irgendeinen Hundesport absolvieren und rund um die Uhr bespaßt werden.
Viele dieser Hunde lieben es, ihr Umfeld zu beobachten, sich frei und kontrolliert zu bewegen, Gerüche aufzunehmen und einfach dabei zu sein.
Das heißt aber nicht, dass sie keine Beschäftigung brauchen.
Spaziergänge, gemeinsame Aktivitäten, Nasenarbeit und vor allem ein vernünftiger Alltag können dazugehören.
Man sollte aber auch akzeptieren können, dass ein Herdenschutzhund durchaus einmal glücklich irgendwo liegt, die Welt beobachtet und offenbar gerade eine wichtige Sicherheitskonferenz mit sich selbst abhält.
RÜCKRUF UND FREILAUF
Auch das sollte man sich vorher überlegen.
Bei einem sehr selbstständig arbeitenden Hund kann ein hundertprozentiger Rückruf eine ganz andere Herausforderung darstellen als bei einer Rasse, die über Generationen auf enge Zusammenarbeit mit dem Menschen selektiert wurde.
Das bedeutet nicht, dass man es nicht trainiert.
Natürlich trainiert man es.
Aber ich muss meinen Hund realistisch einschätzen und entsprechend absichern.
Ein Wunsch ersetzt keine Sicherung.
WARUM SO VIELE DIESER HUNDE IM TIERSCHUTZ LANDEN
Und genau das macht mich immer wieder wütend und traurig zugleich.
Der Hund war süß.
Der Hund war imposant.
Die Rasse sah wunderschön aus.
Und irgendwann wird der Hund erwachsen und zeigt genau die Eigenschaften, für die Menschen diese Hunde über Generationen gezüchtet haben.
Plötzlich heißt es:
„Er bewacht das Grundstück.“
„Er mag nicht jeden Fremden.“
„Er entscheidet selbst.“
„Er ist zu groß.“
„Er ist schwierig.“
Ja.
Es ist ein Herdenschutzhund.
Natürlich gibt es problematisches Verhalten, an dem gearbeitet werden muss. Und natürlich darf man nicht jedes Verhalten mit der Rasse entschuldigen.
Aber ich kann mir keinen Herdenschutzhund anschaffen und anschließend verlangen, dass sämtliche rassetypischen Eigenschaften verschwinden, weil sie nicht in meinen Alltag passen.
Genetik lässt sich durch Erziehung beeinflussen und lenken.
Man kann sie aber nicht einfach löschen.
FÜR WEN IST EIN HERDENSCHUTZHUND GEEIGNET?
Für Menschen, die diese Hunde wirklich verstehen wollen.
Für Menschen mit Ruhe, Geduld, Konsequenz und Verantwortungsbewusstsein.
Für Menschen, die bereit sind, Management zu betreiben und ihr Leben in gewissen Bereichen auch an den Hund anzupassen.
Für Menschen, die einen Hund nicht permanent kontrollieren müssen, sondern eine Beziehung zu einem eigenständig denkenden Tier aufbauen können.
Und vor allem für Menschen, die sich vorher informieren und nicht erst dann, wenn der ausgewachsene Hund vor ihnen steht und plötzlich nicht mehr in das Bild passt, das sie sich als Welpenbesitzer ausgemalt haben.
UND WAS BEKOMMT MAN DAFÜR?
Wer diese Hunde versteht und ihnen gerecht wird, bekommt für mich etwas ganz Besonderes.
Einen oftmals unglaublich loyalen, souveränen und charakterstarken Begleiter.
Einen Hund, der nicht jedem Menschen sofort um den Hals fällt.
Einen Hund, dessen Vertrauen man sich erarbeiten muss.
Und genau deshalb bedeutet dieses Vertrauen für mich so unglaublich viel.
Ich liebe diese eigenständigen Charaktere.
Ich liebe ihre Ruhe, ihre Präsenz und diese Art, Situationen erst einmal zu beobachten.
Aber gerade weil ich diese Hunde liebe, sage ich auch ganz deutlich:
Ein Herdenschutzhund gehört nicht in jedes Zuhause.
Man muss nicht zu jedem Hund passen.
Und nicht jeder Hund muss zu einem selbst passen.
Das zu erkennen, bevor man sich einen Hund anschafft, ist keine Schwäche.
Es ist Verantwortung.