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Futterallergie und Allergien beim Hund
Der Hund kratzt sich, schleckt ständig an den Pfoten, die Haut wird rot oder die Ohren sind gefühlt zum hundertsten Mal entzündet – und ziemlich schnell heißt es: „Der verträgt sein Futter nicht.“
Ja, kann sein. Muss aber nicht sein. Und genau da fängt für mich das Problem an. Denn statt erst einmal vernünftig herauszufinden, warum der Hund überhaupt juckt, werden teilweise fünf verschiedene Futtersorten in drei Monaten ausprobiert. Huhn weg, Rind weg, Getreide weg, dann Pferd, Lamm oder Känguru – und irgendwann weiß kein Mensch mehr, was dieser Hund eigentlich schon alles gefressen hat.
Eine Futterallergie ist eine immunologisch bedingte Reaktion auf Bestandteile des Futters, meistens auf Proteine, also Eiweiße. Davon unterscheiden muss man eine Futtermittelintoleranz, bei der das Immunsystem nicht zwingend beteiligt ist. Für den Besitzer kann beides ähnlich aussehen, medizinisch ist es aber nicht dasselbe. Deshalb wird häufig auch von einer adversen Futtermittelreaktion gesprochen.
Und bitte verabschiedet euch von dem Gedanken, ein Hund könne auf ein Futter nicht allergisch sein, weil er es schon seit Jahren frisst. Gerade für eine Allergie muss das Immunsystem den betreffenden Stoff zuvor kennengelernt haben. Ein Hund kann also durchaus irgendwann auf etwas reagieren, das jahrelang problemlos im Napf lag.
Zu den häufiger beschriebenen Futterallergenen beim Hund gehören beispielsweise Rind, Huhn, Milchprodukte, Weizen oder Lamm. Das bedeutet aber nicht, dass diese Lebensmittel grundsätzlich schlecht sind. Es bedeutet lediglich, dass sie als Auslöser beschrieben werden. Ein Hund kann grundsätzlich auf unterschiedliche Nahrungsproteine reagieren.
Wenn es juckt, muss nicht automatisch das Futter schuld sein
Typisch für allergische Hauterkrankungen ist Pruritus, also Juckreiz. Häufig betroffen sind Pfoten, Gesicht, Ohren, Bauch, Achseln und Leistenbereich. Manche Hunde lecken sich permanent die Pfoten, andere knabbern an sich herum oder haben immer wieder eine Otitis externa, also eine Entzündung des äußeren Gehörgangs.
Gerade diese ständig wiederkehrenden Ohrenentzündungen sind für mich ein Punkt, bei dem irgendwann die Frage kommen muss: Warum? Wenn ich alle paar Wochen Ohrentropfen gebe, das Ohr wird besser und kurze Zeit später geht alles von vorne los, dann kann ich natürlich zum zehnten Mal die Tropfen aus dem Schrank holen. Oder ich fange endlich an, nach der Ursache zu suchen.
Allergisch entzündete Haut hat außerdem häufig eine gestörte Hautbarriere. Dadurch können sich beispielsweise Malassezien, also Hefen, und Bakterien stärker vermehren. Dann haben wir zur eigentlichen Allergie noch eine sekundäre Haut- oder Ohreninfektion dazu. Der Hund juckt sich noch mehr, kratzt die Haut weiter kaputt und wir befinden uns irgendwann in einem wunderschönen Kreislauf, auf den weder Hund noch Besitzer besonders viel Lust haben.
Eine Futterallergie kann sich übrigens auch über den Magen-Darm-Trakt bemerkbar machen. Wiederkehrender weicher Kot oder Durchfall, Blähungen, häufigerer Kotabsatz, Erbrechen oder Bauchbeschwerden sind möglich. Manche Hunde haben nur Hautprobleme, manche hauptsächlich Magen-Darm-Beschwerden und andere beides.
Aber: Durchfall bedeutet nicht automatisch Futterallergie und rote Pfoten bedeuten nicht automatisch Futterallergie.
Es gibt nämlich noch andere allergische Erkrankungen. Dazu gehören beispielsweise die Flohspeichelallergie und die canine atopische Dermatitis, eine chronische juckende und entzündliche Hauterkrankung, bei der unter anderem eine Überempfindlichkeit gegenüber Umweltallergenen eine Rolle spielen kann. Und weil Hunde uns die Sache gerne besonders einfach machen, kann ein Hund auch mehrere allergische Probleme gleichzeitig haben.
Eine Futterallergie und eine atopische Dermatitis lassen sich anhand des Aussehens des Hundes nicht zuverlässig voneinander unterscheiden. Wenn Beschwerden beispielsweise nur zu bestimmten Jahreszeiten auftreten, kann das ein Hinweis auf Umweltallergene wie Pollen sein. Ein Beweis ist es nicht.
Und jetzt kommen wir zum berühmten Allergietest
Hier wird teilweise richtig viel Geld ausgegeben. Blut einschicken, Haare einschicken, Speichel untersuchen lassen und anschließend bekommt man eine schöne lange Liste zurück, auf der gefühlt steht, dass der Hund gegen Rind, Huhn, Kartoffel, Reis und wahrscheinlich noch gegen den Futternapf allergisch ist.
Eine Futterallergie lässt sich mit solchen Blut-, Haar- oder Speicheltests nicht zuverlässig diagnostizieren.
Der medizinisch sinnvolle Weg bei Verdacht auf eine Futterallergie ist eine konsequent durchgeführte Eliminationsdiät beziehungsweise Ausschlussdiät mit anschließender Provokation.
Dabei bekommt der Hund über mehrere Wochen ausschließlich ein genau ausgewähltes Futter. Möglich ist beispielsweise eine Proteinquelle, die der Hund bisher noch nicht gefressen hat, eine sogenannte Novel-Protein-Diät, oder eine hydrolysierte Diät. Bei hydrolysiertem Futter wurden die Eiweißbestandteile in sehr kleine Bestandteile aufgespalten, damit das Immunsystem sie möglichst nicht mehr beziehungsweise deutlich schlechter als allergieauslösende Strukturen erkennt.
Und jetzt kommt das Wort, an dem die meisten Ausschlussdiäten scheitern:
Ausschließlich.
Das bedeutet kein Leckerli nebenher, keinen Kauknochen, keine Wurst, keinen Käse und auch nicht: „Aber es war doch wirklich nur ein kleines Stück.“
Auch aromatisierte Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, Zahnpflegeprodukte oder Kauartikel können die Ausschlussdiät verfälschen.
Und ja, der Hund wird euch anschauen, als hätte er seit dem letzten Jahrhundert nichts mehr zu essen bekommen. Das können sie hervorragend. Trotzdem bleibt der Kühlschrank zu.
Eine Ausschlussdiät braucht außerdem Zeit. Gerade bei Hautsymptomen können mehrere Wochen, häufig etwa acht Wochen und bei einzelnen Hunden auch länger, notwendig sein, bevor man das Ergebnis vernünftig beurteilen kann. Nach zehn Tagen das Futter wieder zu wechseln, weil der Hund noch an der Pfote schleckt, bringt uns also herzlich wenig.
Verbessern sich die Beschwerden deutlich, folgt für eine saubere Diagnose die Provokation, auch Rechallenge genannt. Dabei wird das ursprüngliche Futter beziehungsweise der verdächtige Futterbestandteil kontrolliert wieder gefüttert. Kehren die Beschwerden zurück, erhärtet beziehungsweise bestätigt das den Zusammenhang wesentlich stärker.
Denn vielleicht wurde der Hund während der Ausschlussdiät zufällig besser, weil gleichzeitig eine Hautinfektion behandelt wurde oder die Pollensaison gerade vorbei war. Genau deshalb reicht mir persönlich ein „Mit dem neuen Futter ist es besser geworden“ als Beweis nicht.
Getreidefrei, Monoprotein und der ganze schöne Aufdruck auf dem Futtersack
Getreidefrei bedeutet nicht automatisch allergikergeeignet.
Ein Hund kann auf tierische oder pflanzliche Proteine reagieren. Wenn ein Hund beispielsweise auf Hühnerprotein reagiert, kann auf der Tüte hundertmal riesengroß „GETREIDEFREI“ stehen. Dem Immunsystem des Hundes ist diese schöne Werbebotschaft ziemlich egal, solange Huhn drinsteckt.
Auch Monoprotein ist nicht automatisch eine diagnostische Ausschlussdiät. Monoprotein bedeutet zunächst, dass laut Rezeptur beziehungsweise Deklaration eine tierische Proteinquelle verwendet wird. Für eine wirklich saubere Eliminationsdiät muss aber bekannt sein, was der Hund vorher gefressen hat, und das Futter muss entsprechend zuverlässig zusammengesetzt sein. Gerade bei frei verkäuflichen Futtermitteln können außerdem Kreuzkontaminationen beziehungsweise unbeabsichtigte Proteinspuren eine Rolle spielen.
Und wenn eine vernünftig durchgeführte Ausschlussdiät keine Verbesserung bringt, muss weitergesucht werden. Parasiten, Flohspeichelallergie, bakterielle Hautinfektionen, Malassezien und andere Hauterkrankungen gehören genauso auf den Tisch. Bleibt nach Ausschluss anderer Ursachen das typische Bild einer allergischen Hauterkrankung bestehen, kann eine atopische Dermatitis dahinterstecken.
Auch hier wichtig: Ein Allergietest auf Umweltallergene stellt alleine keine Atopie-Diagnose. Solche Tests können sinnvoll werden, wenn eine atopische Dermatitis klinisch diagnostiziert wurde und beispielsweise eine allergenspezifische Immuntherapie, umgangssprachlich oft Hyposensibilisierung genannt, geplant wird.
Mein Fazit
Wenn ein Hund juckt, ständig seine Pfoten leckt oder dauernd entzündete Ohren hat, möchte ich irgendwann nicht mehr nur wissen, was wir diesmal draufschmieren oder welches Futter wir als Nächstes kaufen.
Ich möchte wissen, warum dieser Hund dieses Problem hat.
Eine Allergiediagnostik braucht Geduld und vor allem einen Plan. Parasiten ausschließen, Haut und Ohren untersuchen, sekundäre Infektionen behandeln und die Vorgeschichte vernünftig anschauen. Und wenn eine Futterallergie vermutet wird, dann macht man eine konsequente Eliminationsdiät mit anschließender Provokation.
Nicht sechs Futtersorten hintereinander ausprobieren und auch nicht anhand irgendeines Haar- oder Speicheltests den halben Speiseplan des Hundes streichen.
Und bitte macht aus „getreidefrei“ nicht automatisch „für Allergiker“. Das eine hat mit dem anderen erst einmal herzlich wenig zu tun.
Allergien können eine verdammt mühselige Suche sein. Aber wenn ein Hund seit Monaten oder Jahren juckt, sich die Pfoten wund leckt oder eine Ohrenentzündung nach der anderen bekommt, hat er es verdient, dass wir nach der Ursache suchen – und nicht immer nur den nächsten Schub irgendwie ruhigstellen.