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Ohrenentzündung beim Hund – Otitis externa
Kopfschütteln, ständig am Ohr kratzen, plötzlich riecht das Ohr komisch und irgendwann lässt der Hund einen vielleicht nicht einmal mehr richtig hinfassen.
Dann heißt es schnell:
„Der hat eine Ohrenentzündung.“
Stimmt vielleicht. Aber damit wissen wir eigentlich noch überhaupt nicht, warum dieses Ohr entzündet ist.
Und genau das ist bei einer Otitis externa der entscheidende Punkt.
Denn einfach irgendwelche Ohrentropfen hineingeben, warten bis es besser aussieht und beim nächsten Mal wieder dasselbe Spiel anfangen, ist für mich keine vernünftige Behandlung.
Wenn eine Ohrenentzündung immer wiederkommt, hat sie meistens einen Grund.
Und den müssen wir finden.
Was ist eine Otitis externa überhaupt?
Otitis bedeutet Entzündung des Ohres. Bei einer Otitis externa ist der äußere Gehörgang entzündet, also der Bereich vom Eingang des Gehörgangs bis zum Trommelfell, medizinisch Membrana tympani genannt.
Der Gehörgang eines Hundes ist übrigens anders aufgebaut als unserer. Er verläuft zunächst relativ senkrecht und dann waagerecht weiter Richtung Trommelfell.
Das ist auch einer der Gründe, warum Feuchtigkeit, Ohrenschmalz und entzündliches Sekret nicht immer einfach wieder herauslaufen.
Bei einer Entzündung kann die Haut im Gehörgang anschwellen, sich röten, vermehrt Sekret produzieren und richtig schmerzhaft werden.
Und wer selbst schon einmal Ohrenschmerzen hatte, weiß:
Das tut verdammt weh.
Woran erkenne ich eine Ohrenentzündung?
Typische Anzeichen sind:
Kopfschütteln, Kratzen am Ohr, Reiben des Kopfes, Rötung, unangenehmer Geruch, vermehrtes Ohrsekret und Schmerzen.
Manche Hunde halten den Kopf etwas anders, lassen sich plötzlich nicht mehr am Ohr anfassen oder schreien sogar auf, wenn man an die Ohrmuschel beziehungsweise den Ohransatz kommt.
Das Sekret kann unterschiedlich aussehen. Braun, gelblich, eitrig, schmierig oder dunkel.
Aber bitte nicht anfangen, anhand der Farbe eine Diagnose zu stellen.
„Braun ist Hefe, gelb ist Bakterien.“
Wenn Medizin nach Farben funktionieren würde, könnten wir uns Mikroskop, Zytologie und Tierarzt sparen. Können wir aber nicht.
Was tatsächlich im Ohr sitzt, schaut man sich vernünftig an.
Was verursacht eine Otitis externa?
Jetzt wird es wichtig.
Bei einer Ohrenentzündung unterscheiden wir grob zwischen primären Ursachen, prädisponierenden Faktoren, sekundären Faktoren und aufrechterhaltenden Faktoren.
Klingt erst einmal nach medizinischem Kauderwelsch, ist aber eigentlich logisch.
Eine primäre Ursache kann die Entzündung überhaupt erst auslösen.
Dazu gehören beispielsweise Allergien beziehungsweise atopische Dermatitis, Futtermittelreaktionen, Parasiten wie Ohrmilben, Fremdkörper im Gehörgang oder bestimmte Hauterkrankungen.
Gerade Allergien spielen bei wiederkehrenden Ohrenentzündungen eine große Rolle.
Und genau deshalb macht es mich immer stutzig, wenn ein Hund alle paar Wochen wieder mit entzündeten Ohren dasteht und jedes Mal nur neue Tropfen bekommt.
Irgendwann muss man sich doch fragen:
Warum bekommt dieser Hund ständig eine Otitis?
Und was sind prädisponierende Faktoren?
Das sind Dinge, die eine Ohrenentzündung nicht unbedingt alleine verursachen, sie aber begünstigen können.
Dazu gehören beispielsweise enge Gehörgänge, bestimmte anatomische Ohrformen, starke Behaarung, erhöhte Feuchtigkeit oder häufiges Schwimmen.
Auch warmes, feuchtes Klima kann eine Rolle spielen.
Und jetzt bitte nicht daraus machen:
Schlappohren = automatisch Ohrenentzündung.
Die Ohrform kann mitspielen. Sie ist aber nicht automatisch der Schuldige, nur weil sie praktisch ins Bild passt.
Auch übermäßiges Reinigen oder ständiges Herumfummeln im Ohr kann Probleme verursachen.
Ein gesundes Hundeohr muss nicht jeden Sonntag einer Grundreinigung unterzogen werden, nur weil gerade Zeit dafür ist.
Malassezien – diese kleinen Hefepilze
Sehr häufig findet man bei entzündeten Hundeohren Malassezia pachydermatis.
Malassezien sind Hefen.
Und jetzt kommt etwas, was viele nicht wissen:
Malassezien können auch auf gesunder Hundehaut beziehungsweise in gesunden Ohren vorkommen.
Das Problem entsteht, wenn sich das Milieu verändert und diese Hefen sich übermäßig vermehren.
Feuchtigkeit, Entzündung, Allergien und Veränderungen der Hautbarriere können dieses Wachstum begünstigen.
Deshalb bedeutet der Nachweis von Malassezien nicht automatisch:
„Mein Hund hat sich irgendwo einen Pilz eingefangen.“
Oft ist die entscheidende Frage vielmehr:
Warum konnten sich die Hefen plötzlich so stark vermehren?
Und dann haben wir noch die Bakterien
Auch Bakterien können sich bei einer Otitis stark vermehren.
Häufig finden wir beispielsweise Kokken. Bei problematischeren beziehungsweise chronischen Entzündungen können auch gramnegative Stäbchen wie Pseudomonas aeruginosa eine Rolle spielen.
Und Pseudomonaden können richtig hartnäckig werden.
Sie können unter anderem einen sogenannten Biofilm bilden. Vereinfacht gesagt ist das eine schützende Struktur, in der sich die Bakterien wesentlich schlechter angreifen lassen.
Spätestens bei chronischen, schweren oder immer wiederkehrenden bakteriellen Ohrenentzündungen hört für mich das fröhliche Ausprobieren verschiedener Ohrentropfen auf.
Dann muss vernünftig diagnostiziert werden.
Wie stellt der Tierarzt fest, was im Ohr los ist?
Ein ganz wichtiger Bestandteil ist die Otoskopie.
Dabei wird der Gehörgang mit einem Otoskop untersucht.
Der Tierarzt schaut unter anderem:
Wie stark ist der Gehörgang entzündet?
Ist er geschwollen?
Liegt viel Sekret darin?
Gibt es einen Fremdkörper?
Sind Veränderungen oder Wucherungen sichtbar?
Und ganz wichtig: Wie sieht das Trommelfell aus?
Bei einem extrem schmerzhaften oder komplett zugeschwollenen Ohr kann dafür eine Sedierung beziehungsweise Narkose notwendig sein.
Und das ist keine Übertreibung.
Ein hochgradig entzündetes Ohr tut weh. Da muss kein Hund beweisen, wie tapfer er ist, während jemand mit einem Otoskop im schmerzenden Gehörgang herumarbeitet.
Die Zytologie – einmal unters Mikroskop schauen
Für mich gehört bei einer vernünftigen Ohrdiagnostik die Zytologie dazu.
Dabei wird mit einem Tupfer Material aus dem Gehörgang entnommen, auf einen Objektträger gebracht, gefärbt und anschließend unter dem Mikroskop beurteilt.
Dann kann man beispielsweise sehen:
Sind Malassezien vorhanden?
Sind Bakterien vorhanden?
Handelt es sich überwiegend um Kokken oder Stäbchen?
Wie stark ist die Entzündungsreaktion?
Und genau danach richtet sich die Behandlung.
Denn ich kann schlecht gezielt behandeln, wenn ich gar nicht weiß, was ich eigentlich behandeln möchte.
Braucht man immer ein Antibiogramm?
Nein.
Nicht jede einfache Ohrenentzündung braucht sofort eine bakterielle Kultur mit Antibiogramm, also einer Untersuchung, welche Antibiotika gegen die vorhandenen Bakterien wirksam sind.
Bei schweren, chronischen, wiederkehrenden oder schlecht auf die Therapie ansprechenden bakteriellen Infektionen kann eine Kultur mit Resistenzprüfung aber sehr wichtig werden.
Gerade wenn in der Zytologie viele Stäbchen gesehen werden oder der Verdacht auf problematische Keime wie Pseudomonas besteht, muss genauer hingeschaut werden.
Antibiotika einfach der Reihe nach auszuprobieren, bis irgendwann eines funktioniert, ist keine vernünftige Strategie.
Warum muss das Ohr vor der Behandlung manchmal gereinigt werden?
Weil Medikamente dort hinkommen müssen, wo sie wirken sollen.
Wenn der komplette Gehörgang voller Ohrenschmalz, Eiter und Sekret sitzt, können Ohrmedikamente ihre Wirkung schlechter entfalten.
Deshalb kann eine gründliche Reinigung notwendig sein.
Bei stark verschmutzten, verengten oder extrem schmerzhaften Ohren kann sogar eine professionelle Ohrspülung unter Sedierung beziehungsweise Narkose notwendig werden.
Aber jetzt bitte nicht zu Hause mit Wattestäbchen bis Anschlag im Hundeohr herumbohren.
Damit kann man Material noch tiefer in den Gehörgang schieben und zusätzlich Verletzungen verursachen.
Essig, Alkohol, Öl und irgendwelche Hausmittel?
Bitte nicht.
Nicht einfach Essigwasser ins Ohr.
Nicht irgendein Öl.
Nicht Alkohol.
Und bitte auch keine selbst zusammengemischten Wundermittel aus dem Internet.
Solange niemand weiß, wie das Trommelfell aussieht, gehört nicht einfach irgendeine Flüssigkeit tief in ein entzündetes Hundeohr.
Bestimmte Wirkstoffe können problematisch beziehungsweise ototoxisch sein, wenn das Trommelfell geschädigt oder perforiert ist und sie ins Mittel- beziehungsweise Innenohr gelangen.
Das bedeutet vereinfacht:
Etwas, das für ein intaktes Ohr geeignet sein kann, muss bei einem beschädigten Trommelfell noch lange nicht sicher sein.
Deshalb erst schauen.
Dann behandeln.
Nicht andersherum.
Wie wird eine Otitis externa behandelt?
Das hängt komplett davon ab, was gefunden wurde.
Bei einer Hefebeteiligung werden entsprechende Antimykotika, also Medikamente gegen Pilze beziehungsweise Hefen, eingesetzt.
Bei bakterieller Beteiligung können lokal wirksame Antibiotika notwendig sein.
Zusätzlich enthalten viele Ohrpräparate entzündungshemmende Wirkstoffe, häufig Glukokortikoide, um Schwellung, Entzündung, Juckreiz und Schmerzen zu reduzieren.
Je nach Schweregrad können weitere Medikamente notwendig werden.
Aber entscheidend bleibt:
Wir behandeln nicht einfach nur das, was gerade im Ohr wächst. Wir müssen auch behandeln beziehungsweise kontrollieren, warum es dort wachsen konnte.
Sonst sehen wir uns in vier Wochen wieder.
Warum kommt eine Ohrenentzündung immer wieder?
Und jetzt kommen wir für mich zum wichtigsten Teil des ganzen Themas.
Wenn ein Hund ständig wiederkehrende Ohrenentzündungen hat, ist die Frage nicht nur:
„Welche Tropfen nehmen wir diesmal?“
Die Frage lautet:
„Was übersehen wir?“
Eine nicht kontrollierte Allergie kann dahinterstecken.
Eine Futtermittelreaktion.
Ein Fremdkörper.
Eine chronische Hauterkrankung.
Anatomische Veränderungen.
Ein Problem im Mittelohr.
Oder der Gehörgang hat sich durch jahrelange Entzündungen bereits dauerhaft verändert.
Chronische Entzündung kann zu einer Verdickung und Verengung des Gehörgangs führen. Es entstehen Fibrosen, also bindegewebige Umbauten. Im weiteren Verlauf kann Gewebe sogar verkalken.
Und irgendwann ist aus einer eigentlich behandelbaren Otitis ein chronisch krankes Ohr geworden, an das Medikamente kaum noch vernünftig herankommen.
Wenn aus Otitis externa eine Otitis media wird
Eine chronische Entzündung des äußeren Gehörgangs kann sich auf das Mittelohr ausweiten.
Dann sprechen wir von einer Otitis media.
Hinweise können beispielsweise starke Schmerzen, Schmerzen beim Öffnen des Mauls, Hörprobleme oder bestimmte neurologische Auffälligkeiten sein.
Geht die Entzündung weiter ins Innenohr, sprechen wir von einer Otitis interna.
Dann können unter anderem Gleichgewichtsstörungen, Kopfschiefhaltung, unkoordinierter Gang und Nystagmus, also unwillkürliche rhythmische Augenbewegungen, auftreten.
Und spätestens bei solchen Symptomen diskutieren wir nicht mehr darüber, ob wir erst nächste Woche einen Termin machen.
Dann gehört der Hund vernünftig untersucht.
Warum ist die Nachkontrolle so wichtig?
Weil „riecht nicht mehr und Hund kratzt nicht mehr“ nicht automatisch bedeutet, dass das Ohr vollständig gesund ist.
Gerade Hefen oder Bakterien können noch vorhanden sein, obwohl die sichtbaren Beschwerden schon deutlich besser geworden sind.
Deshalb kann eine erneute Ohrzytologie sinnvoll sein, um zu überprüfen, ob die Behandlung tatsächlich erfolgreich war.
Und Medikamente eigenmächtig drei Tage früher abzusetzen, weil das Ohr wieder schön aussieht, ist ebenfalls keine besonders brillante Idee.
Die Behandlung ist beendet, wenn das Ohr vernünftig abgeheilt ist und der Tierarzt das bestätigt, nicht wenn der Besitzer findet:
„Sieht doch wieder ganz gut aus.“
Soll ich meinem Hund regelmäßig die Ohren reinigen?
Nicht automatisch.
Ein gesundes Hundeohr braucht nicht zwingend ständig irgendwelche Reiniger.
Bei Hunden, die zu Ohrenproblemen neigen, kann eine individuell abgestimmte regelmäßige Reinigung allerdings sinnvoll sein.
Welcher Reiniger geeignet ist und wie häufig gereinigt werden sollte, hängt vom Hund und vom Ohr ab.
Mehr ist dabei nicht automatisch besser.
Zu häufiges oder aggressives Reinigen kann den Gehörgang reizen und das Problem im schlimmsten Fall sogar verschlimmern.
Mein Fazit
Eine Otitis externa sieht auf den ersten Blick simpel aus:
Ohr rot. Ohr dreckig. Tropfen rein. Fertig.
Leider funktioniert es nicht immer so.
Vor allem eine wiederkehrende Ohrenentzündung ist häufig nur das sichtbare Ergebnis eines Problems, das irgendwo anders angefangen hat.
Deshalb interessiert mich nicht nur:
Was wächst gerade im Ohr?
Mich interessiert:
Warum ist dieses Ohr überhaupt ständig entzündet?
Otoskopie, Zytologie, bei Bedarf weiterführende Diagnostik und vor allem die Suche nach der zugrunde liegenden Ursache.
Das ist für mich vernünftige Behandlung.
Und bitte hört auf, mit Wattestäbchen, Essig, Alkohol und irgendwelchen Internet-Wundermischungen in einem schmerzenden Hundeohr herumzuexperimentieren.
Ein Hundeohr ist kein Abflussrohr, das man einmal kräftig durchspült und dann ist wieder Ruhe.
Wenn ein Hund immer wieder eine Otitis bekommt, dann erzählt uns dieses Ohr etwas. Wir müssen nur aufhören, jedes Mal ausschließlich die Symptome ruhigzustellen, und anfangen herauszufinden, warum es überhaupt ständig wieder losgeht.